Die Murmelbahn

Leises Surren. Rauschen. Wohlklang in meinen Ohren. Klack. Klack. Langsam bahnt sich die Murmel ihren Weg: Rollt durch Plastikrohre und Metallschienen. Gleitet gekonnt um die Kurve. Kaninchendraht hält sie auf Kurs, verhindert ein ungewolltes Ausbrechen.

Das Team bewegt sich gleichsam gekonnt wie die Kugel auf Bahnen zwischen den Holzträgern. Jeder Schritt wohl überlegt. Bedacht darauf, das wichtige Projekt nicht zu gefährden oder über den Werkzeugkasten zu stolpern. Unser Überraschungsprojekt während des Lehrerausfluges: Bauen Sie eine überdimensionale Murmelbahn!

Team Rot ist bereit. Bereit zu siegen. Besser und langsamer zu sein als die Anderen. Bewaffnet mit Bohrmaschine, Holzlatten, Stahlschienen, Winkeln, Plastikrohren, Kaninchendraht und Wasserwagen-App stellen wir uns dem unerbittlichen Kampf: Dem Kampf gegen das restliche Kollegium. Möge das bessere Team gewinnen.

Das Gerüst steht. Holzträger werden mit Holzlatten als Stabilisierung verschraubt. Drei Grad Gefälle. Nur nicht zu steil, sonst beschleunigt die Murmel zu stark, wird zu schnell, kann nicht mehr aufgehalten werden. Darauf die Führungsschiene für die Murmel. Kaltes Metall schmiegt sich an sprödes Holz, zusammengehalten durch Tape. Hammer und Nagel? Gibts nicht. Improvisation ist gefragt!

Und die Murmel rollt. Rollt weiter. Die Bahn setzt sich Stück für Stück zusammen. Jedes Teil wird wohl überlegt gesetzt. – Wir dürfen uns keine Fehler erlauben. Unsere Murmel muss langsamer durch die Bahn rollen als die der anderen Teams.

Die Anspannung steigt: Mit jedem Bauteil kommen wir dem Sieg ein Stück näher, aber die Gefahr einen Fehler zu begehen wird zunehmend größer. Die Murmel darf nicht stecken bleiben: Sie muss rollen und doch fast stehen. Nervenkitzel. Bei jeder Kurve und Übergangsstelle. Hoffnungsvolle Erleichterung, wenn die Murmel die Kurve passiert.- Kaninchendraht ist die beste Lösung, um die Murmel in der Bahn zu halten. Sie nicht ausbrechen zu lassen.

Und dann passiert es doch: Sie steht. Rollt nicht weiter. Hängt vor der Kurve. Uns stockt der Atem. Nervosität macht sich breit. Fehleranalyse. Führungslatten werden abgeschraubt und neu montiert. Es wird neu gemessen und berechnet. Nach Alternativen gesucht. Der Helfer in der Not: Kaninchendraht! Segment für Segment schneidet sich die Zange durch den Draht bis er die richtige Größe hat. Ein Neuversuch. Die Murmel an den Ausgangspunkt, und los. Und siehe da: Da ist es wieder. Das leise Surren und Klackern, wenn die Murmel langsam über die Schienen und durch die Rohre gleitet, die Kurven passiert.

Wir bauen unermüdlich weiter. Unser Perfektionismus wird langsam unser Handicap. Die Zeit scheint zu verfliegen. Die Bahnen der anderen Teams werden länger und länger. Zeigen Raffinessen, die unsere Bahn nicht hat: Größere Kurven, Aufwärtsbewegungen innerhalb der Bahn. Aber nicht das Aussehen und die Raffinesse werden bewertet, sondern die Zeit. Und unsere Murmel ist langsam. Das ist unser Pluspunkt.

Der Spielleiter schreit aus dem Hintergrund: „Noch 30 Minuten.“ Jetzt werden auch wir hektisch. Vergessen unseren Perfektionismus. Schrauben und Kleben noch schneller:

„Wir brauchen noch mehr Kaninchendraht. Die Kurve muss noch stabilisiert werden“

„Wo ist das Tape?“

„Wir brauchen noch ein Rohr!“

Auch das Nachbarteam bemerkt unsere Anspannung und fängt an, uns zu sabotieren. Startet Ablenkungsmanöver. Klaut die Murmel und die Bohrmaschine.

Die Kugel wird wieder an den Startpunkt gesetzt. Ein weiterer Testlauf. Die Bahn ist fast fertig. Es surrt und klackert leise. Hektische Nebengeräusche der anderen Teams ausgeblendet. Sechs Augenpaare verfolgen hoffnungsvoll die Murmel. Da steht sie schon wieder!

„Sie ist dort doch vorher nicht stecken geblieben! Wie kann das passieren? So kurz vor der Kurve.“

„Wir haben keine Zeit mehr, darum müssen wir uns nachher kümmern.“

„Kann mir noch mal jemand einen Winkel reichen und die Latte halten?“

Baustelle und Chaos.

„Behebt ihr den Fehler. Wir bauen weiter.“

Fehleranalyse.

„Das Tape hat sich gelöst. Die Schiene hat sich verschoben.“ Der Fehler ist schnell behoben. Es schmiegt sich wieder kaltes Metall an sprödes Holz.

Die letzten Holzlatten werden an die Holzträger geschraubt. Die letzten Metallschienen und Führungsrohre angebracht. Ein neuer Testlauf gestartet. Die Murmel rollt, surrt und klackert wieder.

„Noch fünf Minuten“, schreit der Spielleiter.

Die letzte Kurve wird in Angriff genommen.

„Kaninchendraht. Wir brauchen dringend Kaninchendraht! Und Tape! Wo ist das Tape?“

„Was nehmen wir als Abschluss? Wo können wir das letzte Rohr drauf platzieren?“

„Nimm die Trittleiter. Leg das Rohr darauf. Mit Tape befestigen“

Die Bahn ist fertig. Nicht nur die Bahn. Das ganze Team. Ein letzter Testlauf vor dem Finale. Ein schneller Blick zu den konkurrierenden Teams. Die kleben und schrauben noch.

Die Murmel wird an den Start gelegt. Sechs Augenpaare warten gespannt auf den letzten Test.- Wird alles funktionieren? Wird die Murmel rollen? Haben wir die Kurven mit genügend Kaninchendraht und Tape stabilisiert.

Da ist es wieder. Das leise Surren. Die Murmel bahnt sich langsam ihren Weg. Gleitet durch die Kurven. Das sanfte Klackern, wenn sie auf die nächste Ebene fällt. Immer euphorischer gehen die Augen mit der Kugel mit. Jede Kurve, die sie nimmt, folgt ein erfreuter Aufschrei. Und dann, dann nimmt sie sich noch einmal richtig Fahrt auf, beschleunigt und landet gekonnt im Helm. Unserem Ziel. Jubelschreie und Abklatschen im Team. Wir haben es geschafft. Die Bahn steht. Doch die Freude über unser Konstrukt einer überdimensionalen Murmelbahn währt nur von kurzer Dauer. Sie muss sich gegen die anderen Teams bewähren.

Die Zeit ist abgelaufen. Nach einer kurzen Pause gehen die Teams an den Start. Als erstes ist das Team „Schulleitung“ dran. Auch ihre Murmel gleitet durch die Bahn. Doch da: Ein erstes Stocken! Jubel bei den anderen Teams. Die Murmel wird erneut eingesetzt und bahnt sich weiter ihren Weg. Da, sie stockt schon wieder. Die Jubelschreie werden immer lauter. Mit jedem Stocken auf den verschieden Bahnen der anderen Teams steigen unsere Siegchancen. Wir wissen: Unsere Murmel gleitet fehlerfrei durch die Bahn. – „Aber wird die Zeit reichen?“, geht es mir durch den Kopf, „Die anderen Bahnen sind wesentlich länger als unsere.“ Langsam steigt die Aufregung nicht nur bei mir, auch im gesamten Team. Wir sind als letztes an der Reihe.

Wir legen die Murmel an den Start. Noch ein letztes Mal tief durchatmen. Daumendrücken, dass alles glatt geht. Es surrt leise und klackert sanft. Auch die anderen Teams halten gespannt den Atem an und erfreuen sich an jeder genommenen Kurve der Murmel. Sie gleitet und rollt. Der Kaninchendraht hält. Die Murmel bahnt sich ihren Weg, langsam, nimmt zum Schluss Fahrt auf uns landet gekonnt im Helm. Geschafft! Als Einzige fehlerfrei. Die Bahn hat sich bewährt. Jetzt müssen wir nur noch das Ergebnis abwarten. Warten. Unerträgliches Warten. Sekunden scheinen wie Minuten.

Medaillen und Pokale für das beste Team, die beste Bahn werden vorbereitet. Dann erfolgt die Ergebnisverkündung: Wir haben nur den vierten von fünf Plätzen belegt. Unmut macht sich im Team breit.

„Das kann doch nicht sein! Schiebung! Wir waren fehlerfrei. Haben keine Strafsekunden kassiert. Buhhh!“

Wir waren trotzdem die Besten. Wir waren fehlerfrei. Und das zählt. Es ist wie im Unterricht!

Es kommt nicht (immer) auf die Quantität, sondern auf die Qualität an.

So,…

KEEP CALM AND CARRY ON!

 

Kommentare  

# Anita Gerbawatz 2018-03-19 23:50
... toller Text, jeder Murmelbahn-Bauer fiebert mit.

Und stimmt: fairer wäre, dass die fehlerfreie Bahn auf jeden Fall den ersten Platz belegt - man kann ja davon ausgehen, dass sie nicht absichtlich besonders schnell gebaut ist.

So sind einfach die Strafsekunden zu niedrig bemessen.

Pädagogisch bzw. ethisch bedenklich finde ich auch das
Jubeln bei Fehlern der anderen - ist nicht die richtige Haltung, wenn die Kinder und Jugendlichen eh schon die Opferverhöhnung betreiben, nachdem sie in den Talkshows nichts anderes gelehrt werden.

Das macht hochmütig, und das dazu passende Sprichwort ist eines, das auf jeden Fall stimmt.

Naja, aber das hier ist ja nicht der Ethik-Unterricht zur Lehrerfortbildung.

Hat verhöhnt, wurde selbst nicht verhöhnt - verlor aber am Schluss das Spiel.

Fragt sich nun noch, wie höhnisch der Sieger selbst war...toller Text zu diesen moralischen Fragen.

Und Murmelbahnen sind supertoll...
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