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Symposium Diskussion I   

Beitrag der Schulen zur Lösung der Klimakrise                         Stuttgart, 17.02.2020

Nur wenn die Schülerinnen und Schüler über den Zustand der Erde, über die realistischen Zukunftsperspektiven und die Handlungsoptionen umfassend informiert werden, können sie ihre Verantwortung in Staat und Gesellschaft angemessen wahrnehmen. Leider gelingt es unseren Schulen derzeit nicht, die wesentlichen Inhalte zur Klimakrise zu vermitteln. Was sollten wir Lehrkräfte in dieser Situation unternehmen und was fordern wir konkret von und für unsere Schulen? Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Symposiums zur Klimakrise, das der Landesverband Baden-Württemberg des MNU am 17.02.2020 in Stuttgart durchführte.

Der MNU sei hier jederzeit willkommen, mit diesen Worten begrüßte Prof. Heike Maier als Vertreterin des gastgebenden Seminars für Aus- und Fortbildung der Gymnasiallehrkräfte in Stuttgart die ca. 60 Teilnehmer aus allen Bereichen des Schulwesens. Durch den Nachmittag führte der Fernsehmoderator Markus Brock. Auf seine Frage, warum gerade jetzt dieses Symposium ausgerichtet werde, antwortete Ivo Hermann, der Landesvorsitzende des MNU, dass die Dringlichkeit der Klimakrise keinen weiteren Aufschub dulde und gerade die Umsetzung in der Schule für den Erfolg der erforderlichen Transformation von entscheidender Bedeutung sei.

Zur Einstimmung der Teilnehmer hielt der Geograph Dr. Thomas Hoffmann, Experte für die Leitperspektive „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ und Mitglied der Bildungsplankommission, einen Impulsvortrag über Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dabei überraschte er sein Publikum mit der Feststellung, dass Deutschland ein Entwicklungsland sei. Er meinte damit weder die Digitalisierung noch die Rechtschreibung, sondern die Nachhaltigkeit. Die Deutschen müssen nämlich ihren ökologischen Fußabdruck verringern, sonst bedroht ihre Lebens- und Wirtschaftsweise die Chancen künftiger Generationen. Bildung für nachhaltige Entwicklung besteht laut Dr. Hoffmann gerade darin, den Menschen das Ausmaß und die Konsequenzen des Raubbaus an den natürlichen Lebensgrundlagen begreiflich zu machen und sie dadurch zu befähigen, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Damit war der Bogen geschlagen zum Thema der Veranstaltung: Dem Beitrag der Schulen zur Lösung der Klimakrise. Laut Achim Beule, dem Referenten für nachhaltige Entwicklung im Kultusministerium, sei seitens des Ministeriums zur Platzierung der Klimakrise im Unterricht bereits viel unternommen worden, nach seinen Worten sogar mehr als in den anderen Bundesländern. Leider stehe laut Herrn Beule die Bildung für nachhaltige Entwicklung bisweilen im Wettbewerb mit den Zielen anderer durchsetzungsstarker Interessengruppen. Dass der Klimaschutz dabei derzeit noch nicht gut abschneidet, lässt sich beispielsweise daran ersehen, dass die Bildung für nachhaltige Entwickung auf der Internetseite des Kultusministeriums nur einen kleinen Unterpunkt unter sehr vielen Themen darstellt. Monica Hettrich stellte darüber hinaus fest, dass auch im Referendariat und in der Lehrerfortbildung die Klimakrise nur eines von vielen Randthemen sei und nicht die ihr angemessene zentrale Bedeutung erhalte. Auch die Verkürzung der Bildungsgänge (z.B. G8) und die stark verkürzte Lehrerausbildung in Studium und Vorbereitungsdienst sei im Hinblick auf den Unterricht zur Klimakrise kontraproduktiv.

Alle Teilnehmer waren sich darüber einig, dass die Klimakrise ein Querschnittsthema ist, das sowohl naturwissenschaftliche als auch gesellschaftswissenschaftliche Aspekte aufweist. Stefan Arnold, der Schulleiter des Erich-Kästner-Gymnasium Eislingen, sah seine Schüler gerade durch die Kombination aus allen an der Schule unterrichteten Fächern gut darauf vorbereitet, auf solider Faktenbasis verantwortlich zu handeln. Dr. Hoffmann wollte hingegen den Unterricht über die Klimakrise eher im Fach Geographie verorten. Anderen Diskussionsteilnehmer war dies wiederum zu wenig, zumal in Geographie neben der Klimakrise noch viele andere Themen abzudecken sind und die Stundentafel für Geographie ab Klasse 5 im allgemeinbildenden Bereich nur eine Wochenstunde vorsieht. Jochen Petzinger kritisierte außerdem die Verengung der Diskussion auf das allgemeinbildende Gymnasium. Im beruflichen Schulwesen, beispielsweise im beruflichen Gymnasium und im Berufskolleg, sei die Lage noch wesentlich prekärer. Dort müsse mit über 10 Jahre alten Lehrplänen gearbeitet werden, in denen nicht einmal die elementarsten Grundlagen der Klimakrise enthalten seien.

Aus der schulischen Praxis und der Perspektive der Schüler berichtete Niclas Kern, Wirtschaftsgymnasiast aus Lörrach und Mitglied der Klimaschutzbewegung „Fridays for Future“. Er hätte in einer früheren Schule von einem engagierten Lehrer viel über die Klimakrise gelernt, in seiner aktuellen Schule werde das Thema aber nur stiefmütterlich behandelt. Den Eindruck, dass es ganz entscheidend auf das Engagement der Lehrpersonen ankommt, konnten andere Diskussionsteilnehmer bestätigen. Ivo Hermann bemängelte, dass die Bildungspläne nur wenig Strukturierungshilfe böten und forderte darüber hinaus Umsetzungshilfen für Lehrpersonen. Gerhard Hörbe verwies auf eine übergroße Zahl von vorhandenen Materialien unterschiedlichster Herkunft, Qualität und Zielsetzung. Man war sich darüber einig, dass der Unterricht über die Klimakrise nicht davon abhängen dürfe, dass es an einer Schule zufällig engagierte Lehrpersonen gebe, sondern dass die wesentlichen Inhalte zur Klimakrise an allen Schulen gut unterrichtet werden müssen, und zwar auch von weniger stark engagierten Lehrpersonen. Hierzu sei es erforderlich, dass die Lehrmittel durch das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) gesichtet, gebündelt sowie fach- und schulartspezifisch auf die jeweilige Zielgruppe angepasst werden.

Als Vertreter von Scientists for Future machte Dr. Günther Beikert deutlich, dass die größte Unsicherheit in den Prognosemodellen der Klimawissenschaft darin besteht, dass man nicht weiß, wie die Menschheit auf die Herausforderung reagiert. Damit die in 50 Jahren lebenden Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können, komme es ganz entscheidend darauf an, dass die Menschen jetzt, d.h. in 2020 und den Folgejahren, der Krise entschlossen begegnen und ihre Lebensweise zügig umstellen. Auch Hermann Veeser erinnerte daran, dass durch die Nähe der Kipppunkte und den drohenden Dominoeffekt die Menschheit akut davon bedroht ist, die Kontrolle über das Erdklima aus der Hand zu geben und auf eine lebensfeindliche Heißzeit zuzusteuern. Da die notwendige Transformation nur durch eine gemeinsame Anstrengung aller Menschen gelingen kann, forderte Dr. Beikert die Schulen dazu auf, alle Schüler zu „Klimaaktivisten“ zu bilden, in dem Sinne, dass jeder Einzelne gefordert ist, bei der Transformation mitzuwirken. Eine Teilnehmerin beklagte, dass selbst im Jahr 2020 noch immer nicht alle Lehrpersonen verstanden hätten, dass wir uns vom Ziel des Wirtschaftswachstums verabschieden und stattdessen die Befriedigung von Grundbedürfnissen in den Blick nehmen müssen. Niclas Kern warb dafür, gerade jüngere Schüler durch Naturerleben erfahren zu lassen, wie verletzlich und damit wie schützenswert unsere Natur ist. Ein anderer Teilnehmer appellierte schließlich an die Schulen, keine Individualisten und Egoisten auszubilden, sondern empathische und gemeinwohlorientierte Menschen.

Um dies zu gewährleisten, ist es erforderlich, dass die Schule nicht nur lehrt, sondern auch vorlebt, wie ein weiterer Teilnehmer deutlich machte. Die Schule muss Energie sparen, den Autoverkehr reduzieren, klimafreundliche regionale Ernährung auf überwiegend pflanzlicher Basis anbieten und Müll vermeiden. Dr. Guntram Haag, der Schulleiter des Fanny-Leicht-Gymnasiums Stuttgart, führte aus, in welcher Weise durch Anreize wie das „Lukrative Energiesparen in Stuttgarter Schulen“ („LESS“) Schüler, Lehrer und ganze Schulen wirksam motiviert werden können, den Klimaschutz im Schulalltag zu verankern. Man war sich darüber einig, dass manche voranschreiten müssen, damit andere Gelegenheit haben, in deren Fußstapfen zu treten.

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