Archimedes-Preis für Mathematik 2026
Prof. Dr. Bärbel Barzel, Düsseldorf
Bevor wir heute den Archimedes-Preis verleihen, lohnt sich ein Blick auf den Weg der diesjährigen Preisträgerin Frau Prof. Dr. Bärbel Barzel – auf einen Weg, der im Klassenzimmer begann.
Bärbel Barzel hat Mathematik nicht zuerst aus der Perspektive der Hochschullehrerin kennengelernt, sondern aus der täglichen Verantwortung einer Lehrerin. Nach ihrem Studium der Fächer Mathematik und Musik an der RWTH Aachen folgten Referendariat und Unterrichtstätigkeit an der Gesamtschule Wuppertal-Ronsdorf und am Marie-Curie-Gymnasium in Düsseldorf.
Ihr erster Kontakt mit dem Einsatz eines CAS-Systems im Mathematikunterricht hatte sie bereits in ihrem Referendariat. Ein Kollege brachte sie damit in Kontakt und Sie erkannte den Mehrwert und das Potential, den dieses System für einen anschaulichen, verstehensorientierten Mathematikunterricht liefern kann. Später war Frau Barzel die erste Lehrkraft in NRW, die bei der Bezirksregierung den Antrag auf die Anschaffung eines Klassensatzes des TI-89 CAS für den Einsatz im Unterricht stellte – und diesen bewilligt bekam! Durch Prof. Dr. Helmut Heugel kam sie so über ein Arbeitsgruppentreffen in Österreich bereits in ihren ersten Jahren im Schuldienst in Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen weltweit, die ähnliche Visionen für den Mathematikunterricht der Zukunft verfolgten. Über Ihre Mitwirkung in diesem Netzwerk, die Besuche vieler internationaler Tagungen und der intensiven Auseinandersetzung hinzu einem gelingenden, technologieunterstütztem Mathematikunterricht, wurde ihr weiterer berufliche Lebensweg geprägt.
Bärbel Barzel war aber nicht nur als Lehrerin, sondern später auch als Fachleiterin für Mathematik am Studienseminar Düsseldorf tätig. Schon hier zeigte sich, was ihr gesamtes Wirken prägen sollte: der Anspruch, Unterricht nicht nur gut zu gestalten, sondern systematisch weiterzuentwickeln.
Die Jahre im Schuldienst sind kein biografischer Auftakt, der hinter ihr liegt – sie bilden das Fundament ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Wer mit Bärbel Barzel spricht, merkt schnell: Hier spricht jemand, der Unterricht in allen Facetten kennt. Der weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine Stunde trägt – oder wenn sie es nicht tut. Der die Herausforderungen heterogener Lerngruppen nicht aus der Distanz beschreibt, sondern aus der eigenen Erfahrung.
Heute ist sie Professorin für Didaktik der Mathematik an der Universität Duisburg-Essen. Doch was sie so bedeutend für die Unterrichtsentwicklung der letzten Jahrzehnte machte: Sie hat die Perspektive der Praktikerin nie verlassen, sie verbindet konsequent Forschung mit Lehrerbildung und schulischer Praxis.
Bereits ihre Dissertation – eine Lernwerkstatt zum Arbeiten mit Computeralgebra – war geprägt von einer Haltung, die ihr Wirken bis heute kennzeichnet: Mathematikunterricht bewegt sich zwischen Konstruktion und Instruktion. Lernen ist weder reines Entdecken noch bloßes Vermitteln – sondern ein klug gestalteter Prozess, der Lernende aktiv werden lässt und sie zugleich professionell begleitet.
Bei der Arbeit in zahlreichen Projekten, wie z.B. KOSIMA oder FaSMEd oder auch aktuellen SMART oder MaL-KIKstand bzw. steht bei Bärbel Barzel immer die praktische Umsetzbarkeit der erarbeiteten Ideen im Schulalltag im Vordergrund. Auch international hat Sie Maßstäbe gesetzt, etwa im Netzwerk Teachers Teaching with Technology (T³). Lange bevor Digitalisierung zum Schlagwort wurde, hat sie daran gearbeitet, digitale Werkzeuge didaktisch fundiert im Unterricht zu integrieren.
Eines Ihrer Herzensprojekte war die Mitentwicklung und Umsetzung der Schulbuchreihe „Mathewerkstatt“, welche im Jahre 2018 zum Schulbuch des Jahres gekürt wurde.
In diesem innovativem Ansatz begleiten die vier prägenden Figuren die Lernenden durch das Buch, werfen Fragen auf, äußern Vermutungen und Lösungsideen. Mit ihren unterschiedlichen Vorstellungen verkörpern sie die Stärken des Lehrwerks: die Kontext- und Alltagsorientierung, die integrierte Förderung prozessbezogener Kompetenzen sowie die Individualisierung der Lernwege.
Mit diesem Preis möchten wir ebenfalls Ihre vielfältigen Beiträge zur Erschließung von modernen, alltagsrelevanten Fragestellungen, sowie deren technische und praktische Umsetzung im Mathematikunterricht würdigen.
Bärbel Barzel ist eine Persönlichkeit, der die schulische Praxis am Herzen liegt, für die sie sich stets tatkräftig einsetzt und zu der sie bis heute den Bezug nicht verloren hat.
Sie steht für eine Mathematikdidaktik, die Praxis ernst nimmt.
Für eine Lehrerbildung, die Reflexion und wissenschaftliche Fundierung verbindet.
Für eine Digitalisierung, die dem Lernen dient.
Für eine Unterrichtsentwicklung, die Kooperation lebt.
Sie hat unzählige Lehrkräfte, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Studierende und Forschende inspiriert – und damit den Mathematikunterricht in Deutschland nachhaltig geprägt.
Der Archimedes-Preis würdigt Persönlichkeiten, die Theorie und Praxis verbinden und den mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht entscheidend voranbringen.
Sie, liebe Frau Bärbel Barzel, verkörpern dieses Anliegen in herausragender Weise.
Im Namen des Verbandes MNU und des Westermann Verlages darf ich Ihnen herzlich zur Verleihung des Archimedes-Preises im Jahre 2026 gratulieren.
Herzlichen Glückwunsch!
Der Archimedes-Preis wird von der Westermann Gruppe gestiftet und durch den MNU Verband zur Förderung des MINT-Unterrichts verliehen.
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